Datterich

"Theater Lust" zelebriert Niebergalls "Datterich" zum Heinerfest in der Stadtkirche

Rasant! Alle Achtung, wie das neu gegründete Ensemble "Theater Lust" sich durch den "Datterich" spielt, mit Verve im Biedermeierkostüm Emotionen hochkocht und dabei dem Stück seine politische Komponente lässt, die sich als hochaktuell erweist: Stammtischpolitik aus Dummbach-Munde, herrliche Typen, die aufeinander prallen, Missverständnisse und Intrigen und dazwischen ein Datterich, der sich ständig unter Hochdruck am eigenen Schopf aus dem selbst gebauten Schlamassel zieht und lügenreich um sein weinseliges Dasein kämpft - das ist Mundart-Volkstheater par excellence.

Gleich zwei Strombergers gehen aufs Ganze und setzen dabei auf Tradition. Iris Stromberger inszeniert die Lokalposse "Der Datterich" von Ernst Elias Niebergall beim Heinerfest so komprimiert, dass die Spannung locker über gut eineinhalb Stunden ohne Pause hält (…). Sohn Fabian Stromberger in der Hauptrolle als genialer Schnorrer, trägt das Konzept und überschlägt sich förmlich mit Spielideen, wendig, gestenreich, vorlaut, unverschämt. (…)

Datterich, der selbst verschuldet stets am Rande des Abgrunds schwebt, ist hier einer, der sich ins Zeug legen muss, um zu überleben, der sich aus dem Augenblick heraus selbst inszeniert: als Leidender, als Fordernder, als Verprellter, als bester Freund oder geborener Don Juan. Tatsächlich ist er ein kleiner gescheiterter Finanzbeamter, ein Alkoholiker ohne Geld, der sich an andere heran wanzt, um in der Kneipe beim Kartenspiel einen guten Tropfen abzukriegen - toll spielt Fabian Stromberger diese hyperaktive, moderne Figur, nah an der emotionalen Überforderung.

In der Kneipe, während Lisette (Katrin Deußer) den Wein einschenkt, wird Vater Dummbach (Harald Mehring) "bolitisch". Schön, dass Iris Stromberger diese Stellen nicht gestrichen hat. Höchst aktuell geht es dabei um alte Minister, die wieder hervorgezaubert werden, um den Nutzen der Eisenbahn für Darmstadt, die an der Beamtenstadt vorbeirauscht, um den lachenden "Suldan", der bloß wartet, "bis sich ganz Eiroba an de Kepp hot".

Und dann die einschlägigen Zitate, etwa vom "vasteckte Dorscht", die zu Darmstadt gehören wie der Datterich, mitgesprochen von manchen Zuschauern und mit Lachern und Zwischenapplaus bedacht wie die Spieler während des Stücks.
Durch das aufgeregte Gaukelspiel müssen alle durch. Marie Dummbach (Saskia Huppert) hat Energie und Pfiff und weiß genau, was sie will, ihre Mutter hat allemal Temperament: Iris Stromberger selbst spielt wunderbar einfältig die Mama von Marie, deren Liebesglück mit dem braven Drehergesell Schmidt (Arnim Horneff) auf dem Spiel steht, nachdem sich der Datterich an den schüchternen Bessunger Burschen rangemacht hat. (…)

Einer von den Geprellten ist der Schuster Bengler, der einzige, vor dem Datterich mehr als Respekt hat. Toll, wie Uli Verthein mit festem, bösem Schritt und bedrohlichem Geklacker seines Stocks beim Auftritt die Atmosphäre von Angst verbreitet. Das Kellnermädchen Lisette dagegen durchschaut den impertinenten Kerl und lacht über ihn, wenn er durch eine kleine, aber feine Intrige von Marie und dem gutmütigen Metzgermeister Knippelius (Andreas Veit) überführt wird und im hohen Bogen am Ende des Stücks von der Bühne fliegt.
"Gestatten", sagt da Bäckermeister Zipf (Jonas Zipf) und reicht ihm die Hand - fatal, denn schon legt der Datterich in gewohnter Manier von neuem los: "Kenn ich Sie nicht?" Ja, der Datterich lebt - mit tollem Ensemble. Eine wunderbare Wiedergeburt zum Heinerfest.

 

- Darmstädter Echo -


-> Vorankündigung im "Darmstädter Echo" vom 06.06.2018